Im Sueden nichts Neues

19 01 2011

Hallo zusammen,

ich schreibe euch dieses Mal aus Dakhla, einer Stadt die gleichzeitig eine Halbinsel und deshalb das Zentrum der marokkanischen Fischereiwirtschaft ist; ausserdem ist sie die letzte Station vor der Grenze zu Mauretanien. Seit meinem letzten Blogeintrag vor nunmehr 2 Wochen  hat sich bei mir sehr wenig bis gar nichts veraendert, sodass ich eigentlich noch keinen neuen schreiben wollte. Da ich aber versprochen habe, den naechsten Artikel kuerzer zu machen, habe ich mich doch dazu durchgerungen, dem Alltag auf der Nationalstrasse 1 einen eigenen Eintrag zu widmen.

Ein ganz normaler Tag in der Wueste…

…laesst sich in nur einem Foto detailliert darstellen:

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Ein Bild sagt mehr als tausend Worte

Statt, wie beim letzten Eintrag, auf die einzelnen Tage einzugehen, werde ich diesmal gleich den Grossteil der Tage mit einem exemplarischen Tagesablauf beschreiben:

Der Tag beginnt gegen 8.00 Uhr, wenn die Sonne aufgeht und mich in meinem Zelt aufweckt. Als allererstes mache ich mir in Ruhe Fruehstuck, um fit zu werden; typischerweise Brot mit Marmelade und Milch, die ich aus Milchpulver und Wasser mische (was gar nicht so schlecht schmeckt, wie es sich anhoert..). Um diese Uhrzeit ist es noch richtig kalt und ich lasse meine 2 Hosen, Fleece und Pulli, mit denen ich geschlafen habe, noch an. Dann heisst es Sachen zusammenpacken, umziehen, Zelt abbauen und Fahrrad fertig machen, bevor es um etwa 10.00 Uhr auf die Strecke geht. Nach 20-30 Km mache ich die erste Pause, oft an den Klippen mit Blick auf den endlosen Atlantik, dem die Strasse fast durchgehend folgt.

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Mittlerweile steht die Sonne hoch am Himmel und brennt mit gefuehlten 30°C und mehr auf die trockene Erde; Sonnencreme, Kopfbedeckung (Helm) und ausreichend Wasser sind daher nach wie vor Pflicht. Zum Glueck, muss man da schon fast sagen, weht ein durchgehend starker Seitenwind Richtung Atlantik, sodass ich fast nie geschwitzt, aber dafuer oft genervt bin.

Mittags hoere ich zur Ablenkung meist Musik  oder ein Hoerbuch, waehrend ich die naechsten 30 Km bis zur Mittagspause zuruecklege. Bis dahin bin ich hoffentlich an wenigstens einem Café oder einer Tankstelle vorbeigekommen, um meine Flaschen aufzufuellen und Brot zu kaufen- wenn nicht, komme ich noch bis zum Mittag des naechsten Tages mit meinen Vorraeten hin, danach wirds problematisch… Ziemlich sicher passiere ich auch mindestens eine Polizeikontrolle, die hier in der Westsahara in unregelmaessigen Abstaenden folgen. Hier wird der Pass kontrolliert und die Personalien festgehalten, waehrend man den ueblichen Smalltalk mit den zumeist ebenso neugierigen wie netten Polizisten fuehrt. Die letzte Etappe des Tages  ist immer die angenehmste, da die Temperaturen nun spuerbar gesunken sind. Nach etwa 80 Km ist mein Tagwerk vollbracht und ich fange um 17.30 Uhr an, nach einem geeigneten Zeltplatz Ausschau zu halten- schliesslich versuche ich hier in der Westsahara stets an einem einigermassen sicheren Ort zu uebernachten. Diesen finde ich entweder in Form eines der unzaehligen Mobilfunkmasten, der -selbstverstaendlich- rund um die Uhr von einem einsamen Waerter bewacht wird, der einem meist bereitwillig einen Platz zeigt, beim Zeltaufbau hilft und oft auch ein Glas Tee fuer seinen „Gast“ bereit hat. Oder aber ich finde eine der vielen Fischerhuetten an der Kueste, die hier im Gegensatz zu den Mobilfunkmasten, die ich schon aus vielen Km Entfernung sehen kann, schwerer zu entdecken sind. Habe ich einen Platz gefunden, wiederholt sich die Prozedur vom Morgen in umgekehter Reihenfolge. Wenn alles klappt, kann ich mit etwas Glueck noch die Sonne ueber dem Meer versinken sehen- oft das Highlight des Tages.

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Nun wird es Zeit, meinen Spirituskocher auszupacken und mir etwas Warmes zu essen zu machen- unterwegs gibt es schliesslich nur Brot, Bananen und Orangen- aber auch hier sind die Moeglichkeiten begrenzt, da ich so gut wie keine verderbliche Nahrung mitnehmen kann. Standardgericht ist daher Reis oder Nudeln mit Tomatensosse, die ich aus Konzentrat, Wasser und Gewuerzen anruehre; bin ich in den letzten 2 Tagen in einem Ort mit Geschaeften vorbeigekommen, habe ich ausserdem etwas Gemuese, wie Zwiebeln oder Karotten, die ich anbrate und ebenfalls zur Sosse gebe. Abends lese ich oft noch ein paar Zeilen in einem meiner englischen second-hand Buecher, bevor ich gegen 22.00 Uhr einschlafe.

Dieser Tagesablauf wiederholt sich so lange, bis ich eine der wenigen groesseren Staedte erreiche, durch die „meine“ Strasse fuehrt. Seit meinem letzten Eintrag in Tan-Tan waren das genau 3: Laayoune, Boujdour und nun Dakhla. Auch wenn es in diesen Wuestenstaedten so gut wie nichts zu sehen gibt, versteht es sich von selbst, dass ich hier zumindest einen Tag und eine Nacht verbringe, um einzukaufen, ins Internet-Café zu gehen und einfach einen Kontrast zu der Routine unterwegs zu bekommen. Waehrend ich in Laayoune lediglich diese ueblichen Dinge erledigt habe und anschliessend in einer Tankstelle uebernachtet habe, hatte ich in Boujdour und hier in Dakhla wieder das Glueck auf sehr nette und gastfreundliche Menschen zu treffen, die hier nicht unerwaehnt bleiben sollen.

Boujdour

Nachdem ich in Boujdour Lebensmittel auf dem Markt eingekauft hatte (u.a. frischen Fisch), begab ich mich wie immer zur letzten Tankstelle im Ort. Es sah schon nach einem „Standard-Aufenthalt“ wie in Laayoune aus, als mich der Waerter der Tankstelle, Abdelhadi, einlaedt, mit ihm in seinem Haeusschen statt im Zelt davor zu uebernachten. Zwar sind seine Franzoesisch- durchaus mit meinen Arabischkenntnissen zu vergleichen;), aber gluecklicherweise spricht Abdula, der junge Tankstellenwart, beide Sprachen sehr gut und fungiert somit als Dolmetscher. Geboren ist Abdula in einem kleinen Ort direkt in der Wueste, von wo aus viele Touristen zu Dromedar- oder Jeeptouren in die Duenen starten (auch in meinem Fremdenfuehrer ist der Ort beschrieben). Von daher verdiente er und seine Familie auch genau damit ihr Geld- bis ihm ein Freund der Familie das Angebot machte, fuer mehr Geld in Boujdour in der Tankstelle zu arbeiten; das war vor 8 Monaten. Nun will Abdula so schnell wie moeglich wieder zurueck in seinen Heimatort; er hat seine Arbeit satt, kann aber nicht weg, bevor nicht ein Ersatz gefunden ist, da er seinem Bekannten nicht auf die Fuesse treten will…

Es war ein sehr schoener Abend zu 3. und es tat gut, mal wieder ein Gespraech zu fuehren, das ueber den ueblichen Smalltalk hinausging. Als Dankeschoen fuer ihre Gastfreundschaft, habe ich an jenem Abend die Tajine, das Nationalgericht der Marokkaner, mit dem Fisch und dem Gemuese vom Markt fuer uns alle selbst gekocht.

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Tajine kommt immer gut an- Abdula, Abdelhadi und ich vor dem Essen

Am naechsten Tag konnte ich mal wieder mich und meine Sachen waschen und mir ein wenig die kleine Stadt anschauen. Ansonsten habe ich nicht viel gemacht, ausser mich einfach auszuruhen und zu erholen. Am Abend revengierte sich Abdelhadi dann, indem diesmal er fuer uns kochte; es gab…Spaghetti mit Tomatensosse (!) -.- immerhin mit Huehnchenfleisch- dankbar und hoeflich habe ich mir natuerlich jegliches Kommentar verkniffen.

Dakhla

170 Km vor Dakhla wurde mein Fahrrad-Alltag eines Morgens von einem netten Marokkaner namens Abderahman an einer Tankstelle unverhofft unterbrochen. Ich bin gerade dabei meine Sachen zusammenzupacken, als er mich fragt, wo ich denn hin will. „Dakhla“ sage ich- welch ein Zufall, dass auch er dorthin will; die Chancen stehen immerhin 50:50.  Ob ich nicht bei ihm mitfahren will, fragt er dann. „Das geht nicht, da ich ein Fahrrad und viel Gepaeck habe“ gebe ich zurueck; Das sei kein Problem, schliesslich habe er einen Landrover. Da ich mir lebhaft vorstellen kann, wie die letzten 2 Tage bis Dakhla aussehen wuerden, brauche ich nicht lange zu ueberlegen, um mein Rad, so wie es ist, auf seine Ladeflaeche zu schaffen. Doch selbst im Auto bin ich schnell von der monotonen Landschaft gelangweilt, geniesse die Fahrt aber troztdem in vollen Zuegen.

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Abderahma und sein Landrover haben mir 2 Tage erspart

Naiv wie ich nunmal bin, habe ich mir im Vorfeld erhofft, in der Hauptstadt des Fischfangs irgendwie auf eines der zahlreichen Fischerboote zu kommen, um einmal selbst mit in See stechen zu koennen. Somit fuehrt mein erster Gang auch gleich zum Hafen. Dort folgte dann aber die Ernuechterung: Ohne „autorisation“ laeuft hier gar nichts, und die ist schwer zu bekommen. Abgeschreckt von soviel Buerokratie, begnuege ich mich damit, mir einen ganzen Tag lang das geschaeftige Treiben am Hafen anzuschauen und Zeit mit den netten Fischern hier zu verbringen; am Ende darf ich sogar doch noch mit auf’s Boot- allerdings nur fuer’s Foto.

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Bei dieser Gelegenheit lerne ich Salah kennen, einen gespraechigen Fischer und gebuertigen Sohn Dakhlas. Obwohl ich mich am Hafen ohne Fahrrad bewegt habe (von dem ich dachte, dass es meist den groessten Eindruck macht), hat er mich gleich zu sich nach Hause eingeladen- ich muesse einmal richtigen marokkanischen Fisch, zubereitet von seiner Frau, probieren. Da er aber an diesem Abend bis in die Morgenstunden arbeiten muss, verschieben wir unser Treffen auf den naechsten Tag und ich suche mir einen ruhigen Zeltplatz neben einem Warterhaeusschen am Strand. Gestern dann stellte mich Salah erst seiner Frau und seinen beiden aufgeweckten Kindern vor und zeigte mir anschliessend die Stadt und den (Fisch-) Markt. Danach gab es, wie angekuendigt, den „besten“ Fisch der Stadt- der seinen Namen nicht umsonst traegt, wie ich finde.

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Salah und seine Familie

Heute werde ich noch einmal bei Salah uebernachten, bevor es dann morgen wieder weitergeht. Im Prinzip koennte ich noch laenger hier bleiben, da ich fuer die verbleibenden 400 Km bis zur Grenze noch mehr als 10 Tage Zeit habe, bis am 01.Februar mein Visum beginnt. Da ich nun aber schon den 3. Tag in Dakhla bin und lieber etwas zu frueh als zu spaet an der Grenze bin, werde ich doch aufbrechen. Die Strecke bis dorthin soll noch verlassener sein, als sie es die ganze Zeit schon war- versorgungstechnisch koennte es also etwas eng werden.

Der naechste Bericht folgt also aus Mauretanien- ich bin gespannt, was sich mit dem Grenzuebertritt wieder alles verandern mag und hoffe, dass ich bis dorthin unterwegs nicht verdurstet bin.

Liebe Gruesse,

euer Sascha

PS: Soeben habe ich eine kleine „Pinnwand“ eingerichtet. Ihr findet sie; indem ihr ganz oben auf der Seite „Pinnwand“ statt „Home“ auswaehlt. Dort koennt ihr gerne eure Kommentare hinterlassen, wenn ihr wollt. Ausserdem habe ich mal wieder meine Route aktualisiert, was ich bei den letzten beiden Artikeln versaeumt habe- ihr findet sie wie immeram Ende des Artikels; etwas zoomen hilft, wenn man’s genauer wissen will.